10 Jahre und ich frage mich, wo die Zeit hin ist…

Ich sehe mich vor 10 Jahren noch in einer WG, ich habe Putzpläne geschrieben (und das wohlgemerkt in einer WG mit zwei Männern) und hin und wieder zu Vernissage-Geschichten gekellnert, hin und wieder an meinem zweiten Studium gesessen und – ach ja – ich hatte noch die Aufgabe von Herrn Carstens zu erledigen, in ein damals noch leeres MGH Leben zu bringen.

Und heute stehe ich hier als Mutter von zwei Kindern. Es ist viel passiert.

Und über diese ganze Zeit haben mich nahezu alle von Ihnen begleitet – nicht bis hinein in den Kreissaal – aber doch sehr nah. Darüber nachzudenken bewegt mich sehr.

Und genauso wie ich mich in diesen 10 Jahren persönlich entwickelt habe – wobei der Männerhaushalt ja irgendwie bestehen geblieben ist - hat es das MGH getan.

Zu Anfang waren wir noch ein Haus, wo nur die hingingen, die es nötig hatten, so der allgemeine Grundtenor. Der Ottonormalverbraucher kam nicht, aus Stigmatisierungsängsten, man wollte ja nicht als derjenige dastehen, der Probleme hat.

Das war natürlich kein Zustand. Also mussten wir uns die Frage stellen, wo denn die Reise hingehen soll. Unter Trägerschaft eines Wohnungsunternehmens war die Antwort klar: Es oblag auch unserer Verantwortung, in Weimar-West ein lebenswertes Wohnumfeld zu schaffen, dafür Sorge zu tragen, das sich die Lebensqualität der Bewohner optimiert. Ziel war es also, eine Dienstleistungsdrehscheibe vor Ort zu entwickeln, eine breite Angebotsstruktur zu schaffen, gleichzeitig sinnstiftende Tätigkeiten anzubieten und ein Für- und Miteinander, einen Ort der Begegnung aufzubauen, an dem jede Generation mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten eine Platz findet. Einen Ort der sozialen Durchmischung.

Heute blicke ich zurück, auf ein volles Haus zu Vladimir Kaminers Lesung, Menschen, die auf Tischen saßen weil die Plätze zum Orchesterkonzert nicht ausreichten, auf über 50 Kinder zu drei Ferienprojekten gleichzeitig, eine Generationentheateraufführung im E-Werk, Tanz bis spät in die Nacht mit Kirmescharakter, Senioren, die Kindern versuchen stricken beizubringen, Stammleser die sich treffen und ihre Liebe zum Buch feiern.

Ich weiß nicht, wie viele Blätter im Internettreff durch den Drucker gegangen sind, wie viele Rollen Garn in der Nähstube versponnen wurden, wie viele Leinwände im Malkurs durchgebracht wurden und wieviel Babybrei im Kinderzimmer von den Tischen gekratzt wurde, wie oft jemand Schach matt gesetzt wurde , wieviel Schweiß von den Sportlern und Tänzern im Saal aufgewischt wurde und wie viele Stifte in der Nachhilfe zerkaut wurden und wie viele falsche Töne gespielt wurden– aber es waren viele.

Diese Listen ließen sich unendlich fortführen.

Aber neben diesen schönen Erinnerungen gibt es auch die anderen. Die an ein junges Mädchen, das hochschwanger von seinem Freund verprügelt wurde, an eine Analphabetin die auf den Schulden ihres Mannes saß, an Kinder, die ihre Geschwister als vermisst gemeldet haben, an Jugendliche, die anfangs unbelehrbar mit rechtsextremen T-Shirt Aufschriften im Haus Arbeitsstunden leisten wollten, an ein jugendliches Mädchen, das barfuß auftauchte weil es von seiner Oma ausgesperrt wurde oder an Kinder, die in der Hoffnung kamen, etwas zum Frühstück zu bekommen. Schwere Situationen, die es auch galt zu bewältigen.

Doch egal, auf welche Seite man schaut, letztlich haben alle Ereignisse, alle Angebote aus Kultur, Musik, Sport, Kunst, Beratungen, Bildung, Freizeit und Betreuung und vor allem jeder einzelne Mensch der ins Haus kam und jede Kooperation das Haus zu dem gemacht, was es heute ist. Und alles hat dazu beigetragen, den Stadtteil Weimar-West ein bisschen mehr in die Mitte und die Mitte ein bisschen mehr an den Rand zu holen.

Da ich als Vorstand aller 28 Thüringer MGH den direkten Vergleich habe, weiß ich, dass das, was wir hier haben, etwas ganz besonders ist. Nicht für umsonst schreiben wir stellvertretend für alle Thüringer MGH das neue Landesprogramm „solidarisches Zusammenleben der Generationen“ am Ministerium mit und entwickeln auf Bundesebene federführend die Qualitätskriterien für die MGH deutschlandweit. Daraus lässt sich der Stellenwert von dem erkennen, was wir bisher geleistet haben.

Trotz einer großen Aufregung stehe ich hier vor Ihnen voller Stolz und erfüllt von tiefer Dankbarkeit. Denn ich schaue hier in die Augen der Menschen, die uns durch erfüllte Gespräche, unermüdliche Hilfe, kostbaren Rat, steten Beistand und geniale Kooperationen durch 10 Jahre MGH getragen und begleitet haben. Dabei fühlt es sich ein bisschen an wie eine Arbeitsehe – in guten wie in schweren Zeiten, immer verlässlich, immer verbunden. Alles Erreichte, alle tollen Ergebnisse wären nicht zu erzielen gewesen, ohne den Rückhalt der Stadt Weimar, ohne Ihre intensive Unterstützung als Partner und ohne den unermüdlichen Fleiß aller Ehrenamtler, auf deren Schultern der Alltag MGH ruht.

Insbesondere möchte ich der WWS unter Leitung von Herrn Carstens und Herrn Sobotta danken, ohne die es das MGH überhaupt nicht geben würde, die stets den Weg freigegeben, den Rücken freigehalten und alles ermöglicht haben. Eine soziale Einrichtung 10 Jahre stabil zu tragen, konstante Strukturen zu schaffen und zu verstetigen und das mit so viel Zuneigung zur Sache, ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein.

Abschließend gebührt der wertvollsten Stütze an meiner Seite unermesslicher Dank. Katrin, ich könnte jetzt alles aufzählen, was man mit Geld gar nicht aufwiegen kann, aber vor allem danke ich dir dafür, dass du es 10 Jahre mit mir und meinen ständigen Forderungen ausgehalten hast.

Mit meinem Dank an Sie alle verbinde ich die Hoffnung und den Wunsch, dass Sie bei uns bleiben, auch in den nächsten 10 Jahren MGH, dass wir auch in Zukunft das Haus beleben, Projekte erhalten und neue Ideen gemeinsam umsetzen.

--------------------------------------------------


                * Quelle: Rathauskurier, Foto: Susanne Heine

Zahlreiche Gäste waren der Einladung des Oberbürgermeisters zu einem Empfang im ehemaliges Wilhelm-Ernst-Gymnasium anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Mehrgenerationenhaus Weimar-West gefolgt.

Stefan Wolf verwies in seiner Rede auf die Erfolgsgeschichte der Mehrgenerationenhäuser in Weimar: "Sie stehen mit ihren Angeboten an alle Generationen, an alle sozialen Schichten, an Einheimische und Zugewanderte für ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl in unserer Stadt." so der Oberbürgermeister, der mit Beginn seiner Amtszeit die Mehrgenerationenhäuser stets unterstützte.

2007 war das Gründungsjahr für das Mehrgenerationenhaus Weimar-West. Die Strukturen für die erfolgreiche Arbeit waren aber schon lange vor dem Startschuss vorhanden. Durch die Bund-Länder-Initiative "Soziale Stadt" gefördert, gab es bereits ein Erzählcafé, Computer, Mittagstisch oder auch die wichtige und nicht zu unterschätzende Hausaufgabenhilfe, die bis heute angeboten wird. Die Organisatorinnen und Organisatoren des des zehnjährigen Jubiläums um Susanne Heine hatten gleich eine Festwoche organisiert, die ihren glänzenden Höhepunkt mit einem großen Feuerwerk in Weimar-West fand.